Rede zum 60 jährigen Stiftungsjubiläum am 1. März 2009

Herr Ministerpräsident,
Professor Spoun,
liebe Gäste,
Eltern,
Altschüler,
Schüler,
liebe Mitarbeiter,

wir freuen uns sehr, dass Sie alle heute hier beisammen sind, um mit uns den 60. Geburtstag der Stiftung Louisenlund zu feiern. Wir sind dankbar, dass Sie heute mit uns gewissermaßen Louisenlund umarmen und mit Ihrer Anwesenheit lebendig machen.

„Trenne Dich nie von Deinen Träumen, denn wenn Sie verschwunden sind, existierst Du weiter, aber Du hast aufgehört zu leben.“  Mark Twain

Meine Damen und Herren, für uns als Stifterfamilie ist Louisenlund so ein Traum. Vor gut 60 Jahren begann mein Großvater Herzog Friedrich zu Schleswig-Holstein, meine Großmutter und meine damals ganz jung verheirateten Eltern, diesen Traum zu wagen. Nicht, weil sie so verträumt waren, ganz im Gegenteil, weil sie sich den Anforderungen der Zeit stellen wollten und ihren Teil zum Aufbau einer zerstörten Gesellschaft leisten wollten.

Vor 60 Jahren, im März 1949, waren 13 Jungen Zeugen der am 1. März 1949 stattfindenden Gründungsfeier der Stiftung Louisenlund. Kurze Zeit darauf wurde die Bundesrepublik gegründet. Deutschland erholte sich nur schwer von den Zerstörungen der Nazizeit und des Zweiten Weltkrieges. Schleswig-Holstein hatte direkt nach dem Krieg einen Bevölkerungsanteil von etwa 70 Prozent Flüchtlingen. In fast jedem Haus lebten Menschen, die ihre Heimat, ihre Habe und ihre Geborgenheit verloren hatten.

Diese Familien mussten alle bei Null anfangen, alle Generationen mussten sich neu orientieren, einen neuen Lebensentwurf nach Flucht und Vertreibung wagen.

Aus dieser Situation heraus wurde die Stiftung gegründet, an diesem Ort, dessen Wurzeln tief in die Geschichte des Landes reichen. Viele der ersten Schüler waren Kinder aus Flüchtlingsfamilien, die in Louisenlund nicht nur die dringend nötige Schule, sondern auch eine Sicherheit und neue Heimat fanden.

Meine Mutter erzählt immer von einem Brüdertrio, die in Louisenlund mit nur zwei Paar Schuhen für alle drei ankamen, die sie wechselnd trugen und das nur zu besonderen Gelegenheiten. Louisenlund begann in einer Bescheidenheit, die heute fremd, vielleicht manchmal sogar leider fremd erscheint.

Es wurde ein Ort der Hoffnung auf eine positive Zukunft, ein Ort der Bildung, ein Ort des Miteinanders und des Füreinanders. Der Gründer der Stiftung Louisenlund Herzog Friedrich zu Schleswig-Holstein, mein Großvater, wählte den Ort für diese Schule wohl bedacht.

Dieser Ort war seit Erbauung des Schlosses 1772 ein familiärer Ort, der Landsitz des Landgrafen Carl von Hessen und seiner Frau Louise, der Schwester des dänischen Königs Friedrich V. Der dänische König schenkte Carl und Louise diesen Platz samt Schloss zur Hochzeit.

Carl von Hessen war Statthalter für Friedrich V. in Schleswig und nutzte Louisenlund als Landsitz. Durch den Landgrafen war Louisenlund aber nicht nur ein Landsitz, sondern auch und vor allem ein Ort des Geistes, der geistigen Auseinandersetzung.

Der Landgraf war einer der hochrangigsten Freimaurer seiner Zeit. Er legte einen englischen Landschaftsgarten nach Riten und Symbolen der Freimaurerei an und machte Louisenlund zu einem Hause, in dem sich die interessantesten Geister seiner Zeit trafen. Ich erwähne den berühmten Grafen Saint Germain, der viel Zeit in Louisenlund verbrachte und gemeinsam mit Carl von Hessen seinen Forschungen nachging.

An diesem speziellen Ort nun entstand vor 60 Jahren „unser“ Louisenlund. Nicht auf einer grünen Wiese, sondern in einem hochkultivierten Park in wunderschöner Landschaft, mit einem Schloss in der Mitte, das in seiner klaren Form und auch Bescheidenheit uns Richtschnur ist.

Der Genius Loci, die Abgeschiedenheit, die Schönheit der Landschaft der Schlei, der Französische Garten zur Schlei hin, der englische Landschaftspark mit seinen Obelisken, Säulen und den Resten des Freimaurerturms, also einer Anlage, in der sich Natur und Geist verschwistern, setzt für die Stiftung Louisenlund Anspruch und Maß.

Die Qualität und der Geist des Ortes sind uns Maß und Richtschnur für die Stiftung. Wir werden immer versuchen, diesem Anspruch gerecht zu werden. Jeweils den Ansprüchen der sich wandelnden Zeit entsprechend.

Für die Stiftungsgründer war Louisenlund ein innerer Auftrag, ein Anliegen, der Zerstörung des Krieges etwas Positives, Aufbauendes entgegenzusetzen. Was konnte es wichtigeres geben, als Erziehung und Bildung der heranwachsenden Generation.

Es sollte eine Erziehung zur Freiheit sein, eine Erziehung, die nicht anfällig für politische Verführung macht, eine Erziehung zur Verantwortung sich selber, der Natur und der Gesellschaft gegenüber. In Louisenlund sollten wahrheitsliebende, weltoffene, furchtlose, in sich selbst ruhende, Masseninstinkten nicht unterworfene, „der Gesellschaft bewusst und freiwillig dienende Menschen“ heranwachsen, wie es in der Satzung heißt.

Kurt Hahn war Pate der neuen Schule, Berater und auch Garant für die englischen Besatzer, dass diese Stiftung seine Zulassung verdiente. Ihm vertrauten sie, da er nicht nur Salem mitgegründet hatte, sondern auch in Schottland Gordonstoun gegründet und geleitet hatte. Eine Neugründung wie Louisenlund bedurfte einer Lizenz der Engländer, die bis immerhin 1955 als Besatzungsmacht in Schleswig-Holstein waren.

Auch wenn die Prinzipien Kurt Hahns wohl mehr oder weniger bekannt sind, ich möchte trotzdem einiger seiner Leitsätze zitieren:

  • Gebt den Kindern Gelegenheit, sich selbst zu entdecken
  • Lasst die Kinder Triumph und Niederlage erleben
  • Gebt den Kindern Gelegenheit zur Selbsthingabe an die gemeinsame Sache
  • Sorgt für Zeiten der Stille
  • Übt die Phantasie
  • Lasst Wettkämpfe eine wichtige, aber keine vorherrschende Rolle spielen
  • Erlöst die Söhne und Töchter reicher und mächtiger Eltern von dem entnervenden Gefühl der Privilegiertheit.


Diese Leitsätze sind wohlgemerkt 1929 formuliert.


Was bedeuten die Grundsätze für heute und die Zukunft Louisenlunds?

Der Zukunftsforscher Horst Opaschowski formuliert es so:
„Das Bildungsziel des 21. Jahrhunderts lautet: Selbstständigkeit. Gefordert sind also Selbstbestimmung und Eigentätigkeit, Handlungs- und Kritikfähigkeit einschließlich Empathie und Verantwortungsbereitschaft“.

Die Grundsätze dieser Stiftung lassen sich gut ins 21. Jahrhundert verlängern. Wir sollten sie nicht verlassen, sondern sie sanft den Anforderungen, die unsere Schüler erwarten, anpassen. Die soeben eingeweihte neue Bibliothek ist ein wunderbares Beispiel dafür.

In den alten Räumen des Schlosses, der ehemaligen Orangerie, schlägt nun das geistige Herz der Stiftung. Diese Orangerie war schon seit ihrer Existenz anpassungsfähig und damit zukunftsfähig, ohne ihre Gestalt zu verlieren. Erst Orangerie, dann Schlossküche bis zum Zweiten Weltkrieg. Nach dem Krieg wurden dort Schweine für die Schule geschlachtet, dann wurde sie zur Sporthalle, zur Aula und zum Konzertsaal, bis jetzt die Bibliothek eingezogen ist.

Diese neue Bibliothek ist sowohl eine klassische Bibliothek mit wunderbaren Büchern, die hoffentlich Generationen von Schülern zum Lesen verlocken, sie ist aber ebenso eine moderne Medienbibliothek, wie sie selbstverständlich jeder Schüler benutzen soll und möchte.

Ziel der sich wandelnden Stiftung Louisenlund ist es, Schüler zu entlassen, die selbstbewusst im eigentlichen Sinne sind, die eine moralische Ausbildung wie auch eine Ausbildung von Fähigkeiten und Fertigkeiten mitbekommen haben.

Diese zwei Seiten einer Medaille gehören für uns untrennbar zusammen. Sehr wichtig ist uns dabei die akademische Ausbildung, die in den Hahn‘schen Leitsätzen eine nur untergeordnete Rolle spielt.

In der Welt, die die heutigen Schulabgänger erwartet, wird gerade diese Seite aber ein notwendiger Schlüssel zu dem weiteren Bildungs- und Berufsweg sein, und so legt Louisenlund ein größeres Gewicht auf die akademische Ausbildung unserer Schüler, als es zu Gründungszeiten notwendig schien. Auch für diesen Anspruch steht die neue Bibliothek.

Wir möchten in der Zukunft den Prinzipien der Stiftung treu bleiben. Wir werden unsere Wurzeln fest im Boden verankert lassen wie die alten Bäume im Park. Wir werden ebenso unsere Äste weit in den Himmel wachsen lassen, da ja Bäume bekanntlich so tief wurzeln, wie sie hoch und weit in den Himmel wachsen. Wenn man bedenkt, dass das Schloss und der Park seit fast 250 Jahren wurzeln, haben wir in Richtung Zukunft zum Himmel noch einiges zu wachsen!

Ingeborg Prinzessin zu Schleswig-Holstein

Kuratoriums- und Vorstandsvorsitzende der Stiftung Louisenlund

Entscheidende pädagogische Einflüsse

Das Wirken von Kurt Hahn in Louisenlund